Politische Bildung ist das Fundament der Demokratie

Politische Bildung ist das Fundament der Demokratie

Wir wollen keine Sonderbehandlung, aber….

Ein Kommentar zum Geschehen im Profifußball während des Lockdowns.

Es ist Freitag, der 11. Dezember 2020, als die Regierung der Bundesrepublik Deutschland beschließt, dass es einen zweiten, landesweiten Lockdown geben wird. Erneut werden alle Geschäfte (zumindest die, die in dieser Zeit überhaupt noch offen waren) geschlossen und die Bürger*innen müssen sich die berechtigte Frage stellen, wie sie denn nun ihre Weihnachtsgeschenke besorgen sollen:“ Amazon, Gutscheine und Selbstgemachtes“ lautet das Motto der Bescherung, was eigentlich auch etwas wirklich Persönliches und Schönes an sich hat. Gezwungenermaßen kommt das ganze Land gemeinschaftlich zur Ruhe und lässt einmal alles stehen und liegen. Alles steht still. Also, fast alles, denn eine Sache geht dennoch ununterbrochen weiter, als würde sie die Pandemie gar nicht betreffen: der Sport.

Natürlich nicht der Amateursport. Ich meine, wo kämen wir da hin, wenn wir in solch einer kritischen Lage weiterhin Mannschaftssport im Amateurbereich zulassen würden, wodurch das Risiko einer steigenden Inzidenz noch einmal drastisch erhöht werden würde? Nein, es geht natürlich um den Profisport, welcher zwar ein ähnlich hohes Infektionsrisiko darstellt, was aber durch die massenhafte Bereitstellung von PCR-Tests vollkommen beseitigt werden soll. Denn anscheinend sind Sportarten wie Fußball oder American Football genauso gesellschaftswichtige Jobs, wie beispielsweise Arzt oder Ärztin. Das ist ja eigentlich auch ganz logisch, denn der Profisport entertaint die Zuhause sitzenden Menschen, damit diese in der öden Pandemie-Ruhe nicht auf dumme Gedanken kommen, genau wie beispielsweise Film, Theater und Fernsehen und die sind ja auch alle…naja zumindest ein paar von denen… also irgendwo sind bestimmt einige von denen ja auch weiterhin geöffnet.

Doch diese Sonderregelungen für den Profisport sind keinesfalls nur in Deutschland vorhanden. So kommt es zustande, dass das amerikanische Sportevent des Jahres, der Super Bowl, vor den Augen von 25.000 anwesenden Zuschauern stattfindet, welche sich aus unvorhersehbaren Gründen natürlich nur mäßig an die geltenden Coronabeschränkungen halten, während im ganzen Land eine 7-Tages Inzidenz von über 250 herrscht. Doch wer sich hier schon denkt, dass das nicht ganz mit rechten Dingen zugeht, der sollte sich unbedingt auch einmal mit dem Geschehen im Fußball auseinandersetzen, welches die Frage nach Corona-konformem Verhalten noch einmal auf ein ganz neues Level hebt.

Denn nicht nur die nationalen Ligen und Pokale werde weiterhin (wenigstens vor leeren Stadien) ausgetragen, nein, auch die internationalen Pokale müssen natürlich fortgeführt werden. Blöd nur, dass sich Einreisende aus bestimmten Ländern für 14 Tage in Quarantäne begeben müssen, was den Profimannschaften, welche zum Teil zwei Spiele in der Woche bestreiten, natürlich so gar nicht passt. Doch dafür findet die UEFA, die leitende Organisation der Champions- und der Europa League, eine schnelle und zudem auch sehr, sehr aufwendige Lösung. Diese lässt sich am besten an einem Beispiel erklären:

RB Leipzig muss im Zuge des Achtelfinal-Hinspiels gegen Jürgen Klopps Mannschaft aus Liverpool antreten. Da in Deutschland jedoch ein Einreiseverbot für jegliche Personen aus Großbritannien besteht, kann Liverpool weder nach Leipzig, noch Leipzig nach Liverpool reisen, da den Leipziger Spielern dann ja auch die erneute Einreise nach Deutschland verwehrt werden würden. Die Lösung für dieses Problem ist genauso kostspielig wie abgedreht: Man lässt einfach beide Mannschaften in ein anderes Land reisen, welches keine Einreisbeschränkungen hat. Also werden beide Mannschaften per Privatjet nach Budapest kutschiert, um dort 90 Minuten gegeneinander zu spielen. Dann reisen die Teams für drei Wochen wieder zurück, um dann erneut nach Budapest zu kommen und das Rückspiel auszutragen. Dabei ist Liverpool-Leipzig kein Einzelfall. So werden insgesamt 14 verschiedene Mannschaften für Hin- und Rückspiele durch ganz Europa geflogen.

Doch auch das ist noch nicht die Spitze des Ganzen. Denn diese bildet der amtierende deutsche Meister, der FC Bayern München, mit der schillernden Persönlichkeit seines Sportvorstandes Karl-Heinz Rummenigge, welcher es bis heute nicht verstanden zu haben scheint, dass man die Mund-Nasen-Bedeckung auch über die Nase ziehen muss. Dieser unternahm mit der gesamten Mannschaft einen Kurztrip in das schön reiche Katar, um dort mit seinem Team die Fifa-Klubweltmeisterschaft gegen die 4 Repräsentanten der anderen Kontinente anzutreten. Doch leider lief bei der Abreise in das Land, in welchem bis zum jetzigen Zeitpunkt um die 6.500 Gastarbeiter beim Neubau der Stadien für die mehr als umstrittene Fußball Weltmeisterschaft 2022 ums Leben gekommen sind, nicht ganz nach Plan. Denn in Deutschland ist das Reisen mit dem Flugzeug nach 24 Uhr zurzeit untersagt, weshalb die voll besetze Maschine einfach nicht abheben durfte. Rummenigges Kommentar zu diesem Vorfall lautete: „Wir fühlen uns von den zuständigen Stellen bei der brandenburgischen Politik total verarscht. Die Verantwortlichen wissen gar nicht, was sie unserer Mannschaft damit angetan haben.“

Doch zum Glück steckte seine Mannschaft diesen so unglaublich grausam erscheinenden Vorfall gut weg und kam wenige Tage später schließlich gut gelaunt mit der Trophäe, aber leider ohne Thomas Müller wieder in Deutschland an. Denn der Mittelfeldspieler wurde während des Aufenthalts in Katar positiv auf das Coronavirus getestet und musste deshalb mit einem Privatjet zurückgeflogen werden.

Daraufhin wurden die ersten Stimmen laut, dass der Fußball eine Sonderbehandlung in diesen Zeiten bekäme, was bei Rummenigge auf vollkommenes Unverständnis stieß. Er betonte, keine Sonderbehandlung zu wollen und diese zurzeit auch nicht zu spüren, denn die Situation könnte noch so viel besser sein. Dies äußerte er in einem Interview während einer Sendung des ZDF Sportstudios. In dieser beschwerte er sich ebenfalls über die eben geschilderte Reisesituation in den internationalen Pokalen, gab jedoch auch gleich eine Lösung des Problems mit an. Die Profifußballer sollen einfach schon jetzt geimpft werden. Das habe aber nicht etwa mit irgendeiner Arroganz oder einer Sonderbehandlung für die Sportler zu tun, sondern sei die einzig sinnvolle Vorgehensweise und hätte zudem noch einen sehr gewinnbringenden Vorteil. Die Sportler könnten so zu Impfvorbildern werden und die Bürger*innen des Landes so dazu motivieren, es ihnen gleich zu tun (Wenn es ihnen dann in einem halben Jahr möglich ist, selbst einen Impftermin zu erlangen).

Der Egoismus, welcher hier durch den Vorstandsvorsitzenden des FC Bayern München an den Tag gelegt wird, kann schwer in Worte gefasst werden. Während das ganze Land seine Läden schließt und sich die Menschen in ihren Kontakten beschränken, um so das Virus zu bekämpfen, erhält der Fußball einen Freifahrtschein und darf den Spielbetrieb wie gewohnt fortführen. Die geltenden Corona-Bestimmungen werden durch aufwendige und kostspielige Ausweichmethoden erfolgreich umgangen und auch das internationale Sportgeschäft verliert nicht an Fahrt. Doch wenn mal etwas nicht wie geplant verläuft, da sich unser Land eben immer noch in einer Pandemie befindet, dann werden diese Vorfälle als die schlimmsten Rechtsverletzungen im Bereich des so armen, geräderten Fußballs angesehen. Und als wäre das nicht schon genug, fordert nun auch noch der Kopf des erfolgreichsten deutschen Fußballvereins, dass seine Spieler doch bitte schon sehr viel früher geimpft werden. Jedoch natürlich nicht als Sonderbehandlung, sondern als Vorbild für all die Nicht-Fußballer in dieser Welt.

Bei diesen Geschehnissen und den darauf folgenden Aussagen kann man wirklich nur mit dem Kopf schütteln. Anstatt sich darüber zu freuen, dass es den Mannschaften mit viel Aufwand möglich gemacht wird, die Spiele wie gehabt auszutragen, stellt man sich weiter in die Opferrolle und verlangt immer mehr. Vielleicht sollten Herr Rummenigge, sowie weitere stellvertretende Persönlichkeiten des Sports die Beschränkungen, nach welchen sich viele Menschen richten, noch einmal verinnerlichen, damit sie endlich merken, wie stark der Fußball zurzeit schon bevorteilt wird. Und wenn dieser Sport schon so eine große Vorbildrolle einnimmt, dann sollte es allen Beteiligten doch wenigstens möglich sein, die Maske richtig aufzusetzen.

Mathis Glöckner