Politische Bildung ist das Fundament der Demokratie

Politische Bildung ist das Fundament der Demokratie

Schule während Corona – welcher Kurs ist der Richtige?

Eine Woche ist es vielleicht her, da äußerte die Ministerin für Bildung, Wissenschaft und Kultur Schleswig-Holsteins, Karin Prien (CDU), eine Aufhebung der Schulpflicht sei ihrer Ansicht nach unter den ansonsten zu laschen Auflagen wenig sinnvoll. Sie würden sonst möglicherweise „[…] zu Tausenden in den Einkaufspassagen […] zusammenkommen“, erklärte sie in einer Landtagsrede am Mittwoch – davon habt ihr vielleicht gehört. Geändert hat sich viel. Was jetzt alles in den vergangenen Tagen passiert ist, ist vielleicht der perfekte Ausdruck der Dynamik dieser ständig neue Reaktionen fordernden außergewöhnlichen Situation. Auch z. B. die Landesregierung Nordrhein-Westfalens hat nun entgegen Aussagen vergangener Tage beschlossen, alle Schüler*innen bis zu den Weihnachtsferien in den Fernunterricht zu schicken. Andere Bundesländer, so Sachsen, haben aufgrund eines stärkeren Pandemiegeschehens bereits früher Beschlüsse für die letzte Woche vor den Weihnachtsferien getroffen und am vergangenen Sonntag hat schließlich die Runde aus Bundesregierung und den jeweiligen Ministerpräsident*innen eine Aussetzung des Präsenzunterrichtes spätestens ab Mittwoch, dem 16. Dezember beschlossen. Sehr kurzfristig, wenn man wirklich betroffene Personen fragt.

Doch was macht den Entscheidungsprozess so dynamisch und was sagt die Wissenschaft eigentlich zu dem Thema? Einschränkungen des „normalen“Unterrichts haben wir in diesem Jahr wahrscheinlich schon genug erlebt. Dafür ist die Wissenslage aber relativ dünn, was man an häufigen Diskussionen über Sinn und Unsinn solcher Maßnahmen abseits von Verschwörungsideologien sehen kann. Machten in den letzten Tagen eine Analyse des KIT (Karlsruher Institut für Technologie) sowie eine Empfehlung der Leopoldina die Runde, die beide aus einer epidemiologischen Sicht heraus positiv gegenüber Schulschließungen gestimmt waren (KITSimulation: Hätten die Schulen im März einen Tag später geschlossen, hätte es im gesamten Verlauf der Pandemie 125.000 Infektionen mehr gegeben, eine Woche später hätte zu 400.000 mehr geführt), halten andere Verbände wie die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin gegen, dass eine Abflachung der Infektionszahlen auch mit einem Offenhalten der Schulen und Kitas unter strengen Hygienebedingungen möglich sei, wie im Frankreich der letzten Wochen zu sehen sei. Zudem seien negative Folgen auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen aus bildungstechnischer und psychischer Sicht zu erwarten. Ein Sicherstellen des Infektionsschutzes in Räumen außerhalb der Schule könne außerdem mit Schließungen nicht sichergestellt werden, Treffen von Jugendlichen könnten sogar verstärkt auftreten. Auch die Frage der Betreuung und der Bereitstellung einer guten Lernatmosphäre, insbesondere von bzw. bei jüngeren Schüler*innen, stellt ein Problem bei arbeitenden Eltern und problematischen familiären Umfeldern dar. Selbst die WHO, die Weltgesundheitsorganisation, spricht sich für Schulschließungen „nur als letztes Mittel“ aus. Häufig ist also ein Abwägen zwischen Bildungsgerechtigkeit und tatsächlichem Infektionsschutz vonnöten. Selbst die Debatte darüber, in welchem Maße Kinder infektiös sind und somit kritisch für Risikogruppen in ihrem Umfeld sein könnten, spaltet die Wissenschaft (siehe Studien in den Links); vor allem seien aber weitere Untersuchungen notwendig.

Wie man vielleicht schon ahnen könnte, wird bisweilen Kritik an dem bisherigen Vorgehen laut. In der Phase des Lockdown Lights wurden vielerorts Schutzmaßnahmen in den Schulen vermisst und unrealistische Vorgaben bemängelt. Verbände aller am Schulleben beteiligten Gruppen – Lehrkräfte, Schüler*innen, Eltern – kritisieren, dass in der relativ langen Vorlaufzeit zur absehbaren zweiten Welle wenige Vorbereitungen für striktere Maßnahmen getroffen wurden (so kommen z. B. Verbesserungen im digitalen Lernen, sollten sie überhaupt geplant worden sein, schlecht bei den Schüler*innen an; infektionsgerechte Änderungen an der Schüler*innenbeförderung oder Luftreinigung sind vielerorts kaum vorhanden) und dafür lange Zeit an Unterricht in vollen Schulen festgehalten wurde.

Von Beginn der Pandemie an bis jetzt ließ sich eine starke Zerstückelung der getroffenen Maßnahmen beobachten. Zerstückelung, damit meine ich die Unterschiede zwischen verschiedenen Bundesländer und zwischen verschiedenen Lebensbereichen. Ersteres lässt sich vor allem mit der föderalen Struktur deutscher Entscheidungsprozesse zu tun. Während zum Beispiel in den vergangenen Wochen in 15 von 16 Bundesländern galt, dass Treffen im öffentlichen Raum nur mit fünf Personen als zwei Haushalten stattfinden dürfen, war dies in Schleswig-Holstein aufgrund dem damals relativ undramatischen Infektionsgeschehen auf zehn Personen ausgeweitet. Besprechen sich zwar die Ministerpräsident*innen und die Bundeskanzlerin in gemeinsamen Sitzungen, kann immer nur ein gemeinsamer Handlungsleitfaden, nicht aber eine Handlungsvorschrift festgelegt werden, die von den jeweiligen Landesregierungen dann umgesetzt wird. Auch unter dem überarbeitetem Infektionsschutzgesetz, welches theoretisch dem Bund in einer Corona-Notlage die Erlassung gewisser Verordnungen, d. h. direkt von der Regierung/Exekutive und nicht von der Legislative erlassene rechtsbindende Vorschriften, erlaubt, überließ diese diese Gewalt in vielen Fällen den Landesregierungen. Dementsprechend finden sich in der konkreten Umsetzung der „Aussetzung der Schulpflicht“ einige Unterschiede, zum Beispiel, wie Abschlussklassen behandelt werden.

Die lebhafte Debatte über den und die vielen Wendungen im Umgang mit Bildung in der Corona-Pandemie zeigen, wie schwierig es ist, in der aktuellen Situation sichere, „richtige“ Entscheidungen zu treffen. Eines steht aber fest: Uns steht eine schwere Zeit bevor – vielleicht die schwerste seit Ausbruch der Pandemie. Egal, was für Unterstützung für Schüler*innen auch kommen mag, das Distanzlernen kann nicht den persönlichen Kontakt und das direkte Vermitteln, wie es nur in der Schule möglich ist, ersetzen.

Bitte passt auf Euch auf und kommt gut und gesund durch die Ferien!

Von Hangzhi Yu