Politische Bildung ist das Fundament der Demokratie

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Jemen – ein Land zwischen Armut und Gewalt

Wie fast der ganze nahe Osten hat auch der Jemen eine bewegte Geschichte. Nach verschiedene Islamischen Dynastien kam im 16. Jahrhundert auch mit den Portugiesen erstmals eine europäische Kolonialmacht in den Jemen. In Zeiten des frühen Imperialismus besetzten die Briten Teile des heutigen Jemens ebenso wie das Osmanische Reich. Teile Jemens waren danach Kronkolonie Großbritanniens, die besonders die strategische Bedeutung des Suezkanal in der Nähe betrachteten. Das Land teilte sich nach diversen Konflikten in zwei Landesteile den Süd und Nordjemen auf. 1967 wurde nach Aufständen und Guerillakrieg auch der Süden unabhängig. Dort entstand ein sozialistischer Staat. 

Im Islam gibt es verschiedene Glaubensrichtungen, die größten sind die Schiiten und Sunniten, dabei machen letztere 90% der Muslime aus. Mehrheitlich schiitisch sind heute zum Beispiel die Staaten Iran, Aserbaidschan, Jemen und Bahrain. 

Was unterscheidet diese beiden Gruppen? Die Frage nach dem Nachfahren des Propheten Mohammed. Der Name der Schiiten kommt von Schia Ali, die Partei von Ali Ibn Abi Talib, einem Cousin und Schwiegersohn des Propheten Mohammed. Im 7. Jahrhundert nach Christus übernahm Schia Ali als vierter Nachfolger von Mohammed die geistige Führung der Muslime, er trug den Titel Kalif. Die Schiiten sahen Ali als einzigen legitimen Nachfolger des Propheten und beschlossen, dass nur ein Familienangehöriger Mohammeds, so wie Schia Ali, selbiges antreten dürfe. 

Der größte Teil der Muslime war aber der Meinung, dass jemand aus dem Stamm Mohammeds die Nachfolge erhalten könne. Diese Gruppe, die Sunniten, (der Name der Sunniten kommt von dem Wort Sunna, Brauch, Al-Sunna meint die Überlieferungen und Verhaltensnormen, die auf den Propheten Mohammed und seine Anhänger zurückzuführen sind) übertrugen zuerst einem engen Vertrauten des Propheten, Abu Bakr, die Nachfolge. In den folgenden hundert Jahren erkannten Sunniten und Schiiten den jeweiligen Kalif nicht an, und es kam teilweise zur gegenseitigen Ermordung der Nachfolger Mohammeds. Die Schiiten schafften es nicht, die leibliche Nachfolge durchzusetzen und entwickelten deshalb das Konzept eines „Imams“, der die geistliche Herrschaft inne hat. Sie erkennen die weltliche Herrschaft eines Kalifs, der Richter und Heerführer ist, wie bei den Sunniten, nicht an. 1924 wurde durch die türkische Regierung der letzte anerkannte Kalif  der Sunniten abgeschafft, trotz mehrerer Versuche wurde danach kein weltlicher Nachfolger Mohammeds mehr anerkannt.

Viele Kriege, die es heute in der nahöstlichen und mittelöstlichen Welt gibt, sind auf den Konflikt zwischen den beiden größten Glaubensrichtungen des Islams zurückzuführen. Dabei schätzen aber Experten die Situation so ein, dass die Kriege nur unter dem Schleier des Glaubenskonflikts geführt werden und tatsächlich vor allem politische und/oder wirtschaftliche Motive haben. 

Der Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten hat auch einen großen Einfluss auf die Situation im Jemen genommen.

Der Jemen ist ein Land auf der arabischen Halbinsel und liegt südlich von Saudi-Arabien und westlich vom Oman. Es grenzt an das Rote Meer und den Golf von Aden. 

Seit Ende 2014, Anfang 2015 herrscht in dem Land ein schwerer Bürgerkrieg, die Vereinten Nationen sprechen als Folge dieses Krieges von der „größten humanitären Katastrophe unserer Zeit“.

1990 entstand der Staat Jemen, vorher gab es einen Nord-Jemen, der mehrheitlich schiitisch war und einen Süd-Jemen, der sunnitisch geprägt war. Im Norden herrschten die Zaiditen, aus denen eine Terrorgruppe entsprang, die Huthi Rebellen, die eine zentrale Rolle im Bürgerkrieg spielen. Nach der Vereinigung der beiden Landesteile fühlten sie sich politisch an den Rand gedrängt. Im Jahr 2004 führten die Rebellen einen Aufstand gegen die Regierung durch, dessen Folge die Tötung zahlreicher Huthi und ihre Flucht war. In den Jahren 2011/12 gab es im Jemen, wie auch in vielen anderen Ländern, im Zuge des Arabischen Frühlings Aufstände und Proteste gegen das System. Die Folge war die Absetzung des langjährigen Präsidenten Salih, sein Nachfolger wurde Abd Rabbuh Mansur Hadi.

Im September 2014 gelang es den Huthi, nach verschiedenen anderen Regionen, auch die Hauptstadt Sanaa einzunehmen. Durch die Unterwerfung verschiedener Gebiete versprechen sich die Rebellen vor allem politischen Einfluss und Zugang zu Ressourcen. 

Im Januar 2015 musste Hadi auf Druck der Rebellen außer Landes, nach Saudi-Arabien fliehen. Er bat den Staat um Hilfe bei der Bekämpfung der Huthi. Saudi-Arabien willigte ein und gründete eine Allianz verschiedener sunnitischer Staaten, die eine „saudisch geführte Koalition“ wurden. Mit Hilfe der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) gelang es, den Süden des Landes zurückzuerobern. Neben der saudischen Allianz gibt es weitere Gruppen, die gegen die Huthi kämpfen, dass aber weniger, weil sie Anhänger des Präsidenten sind, sondern mehr, um eigene Interessen zu verfolgen, wie zum Beispiel die erneute Teilung des Landes. 

Auch die Huthis haben Verbündete, zum Beispiel den Iran, der die Rebellen mit Waffen, finanziellen und logistischen Mitteln unterstützt und sich so vor allem erhofft, den Einfluss des sunnitischen Saudi-Arabiens zu verkleinern. Saudi-Arabien fühlt sich hingegen von den schiitischen Ländern Syrien, Irak, Bahrain und Libanon umzingelt. Die saudische Koalition wird von den USA und Großbritannien unterstützt. Deutschland liefert Waffen an Saudi-Arabien und unterstützt den UN-Sondergesandten Martin Griffiths bei seinen Bemühungen um Frieden. Der UN-Sicherheitsrat hat sich gegen die Huthis positioniert: Forderung des Rückzugs, außerdem wurde ein Waffenembargo verhängt. 

Aus dem regionalen Konflikt ist ein Stellvertreterkrieg geworden, in dem es nun um politischen Einfluss und den Kampf zwischen Sunniten und Schiiten geht, der auch die große Feindschaft vom Iran und Saudi-Arabien erklärt.

Aktuell ist die humanitäre Lage im Jemen katastrophal. Es gibt 3,6 Millionen Binnenflüchtlinge. 30,5 Millionen Menschen sind auf humanitäre angewiesen und 20 Millionen haben keinen sicheren Zugang zu Nahrung. 

Die Notlage ist nicht nur auf den Bürgerkrieg zurückzuführen, sondern auch auf die schlechte wirtschaftliche Lage sowie die finanzielle Situation des Landes. 

Seit Beginn der Auseinandersetzungen haben 50% der Jemeniten ihre Arbeit verloren. Sinkenden Löhnen und unsicherem Einkommen stehen steigende Lebensmittelpreise gegenüber, die auf den schweren Transport ins und im Land zurückzuführen ist. 

Sozialversicherung oder ähnliches gibt es nicht, die größte Absicherung der Bewohner ist der Familienverband. Die Analphabetenquote liegt bei 30% und nur 60% der Mädchen schließen die Grundschule ab. Auf 10.000 Menschen kommen drei Ärzte und 6,1 Krankenhausbetten. All das führt zu einer Lebenserwartung von knapp 65 Jahren und eine Kindersterblichkeit von 55 pro 1000 Geburten. Ein großes gesundheitliches Problem ist Malaria, denn es gab bereits zwei als „Epidemie“ eingestuft Ausbrüche der Krankheit. 

Am 09.04.2020 kündige Saudi-Arabien wegen der Corona-Pandemie eine zweiwöchige Waffenruhe an, die die Huthi-Rebellen aber als politisches Manöver ansahen und deshalb ablehnten. 

Doch wie sieht es militärisch aus? 

Trotz des Waffenstillstandes ist klar, dass zwischen März und Juli 2020 insgesamt 1078 Luftangriffe registriert wurden. Davon alleine 142 auf zivile Gebäude und Krankenhäuser. Auch die Front steht nicht still. Die Huthi Rebellen halten zwar immer noch deutlich geringere Gebiete, doch eine Niederlage ist aufgrund der endlosen Guerillakämpfe nicht zu erkennen. Beide Seiten kämpfen verbissen weiter. Es scheint keinerlei klare Tendenzen in der aktuellen Lage zu geben. 

Stine Bartram, Simon Fetscher