Politische Bildung ist das Fundament der Demokratie

Politische Bildung ist das Fundament der Demokratie

Digitalisierung in der Bildung – Corona als Chance?

Die Digitalisierung in Deutschland hinkt, und das in vielen Bereichen. Schnelles Internet, die Anwendung von digitalen Lösungen im Arbeitsalltag und die Verbreitung digitaler Dienstleistungen
sind in vielen anderen Industriestaaten weiter verbeitet. Bei vielen
solcher Vergleiche wird auch der Stand der Digitalisierung in der
Bildung betrachtet – in diesem Zuge war schon vor der CoronaKrise zu hören, dass Deutschland auch hier abgehängt ist.
Tatsächlich lässt sich zum Beispiel aus der bekannten PISAStudie aus dem Jahre 2018 ablesen, dass Deutschland über weniger Schulcomputer pro Schulkind, eine schlechtere Ausstattung
mit funktionsfähiger Lernsoftware sowie schlechterer Internetverfügbarkeit an Schulen als der Durchschnitt der OECD-Staaten
(„Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“ – Gruppe an hoch entwickelten, demokratisch und marktwirtschaftlich geprägten Staaten, die in vielen wirtschaftlichen
und politischen Fragen zusammenarbeiten) verfügt. Auch die Geschwindigkeit z. B. der Anschaffung neuer Geräte liegt nur auf
Durchschnittsniveau. Schaut man sich zum Beispiel die wirtschaftlich recht ähnlich zu Deutschland aufgestellten skandinavischen
Staaten an, so haben diese in beinahe allen Digitalisierungsbereichen einen Vorsprung vor Deutschland.
Das Risiko, digital abgehängt zu werden – schließlich werden
Kenntnisse mit digitalen Medien in einigen Jahrzehnten noch wichtiger sein, als sie es heutzutage schon sind – war der Regierung
schon vor der Corona-Krise bekannt. Das bisher am größten angelegte Projekt, um auf eine Beseitigung hinzuarbeiten, wurde im
Frühjahr 2019 beschlossen und nennt sich „Digitalpakt Schule“. In
aller Kürze geht es beim Digitalpakt darum, dass Bund und Länder gemeinsam (Bund: 5 Milliarden, Länder: 500 Millionen € insg.)
Geld bereitstellen, damit die Schulen ihre digitale Ausstattung verbessern können. Dabei müssen die folgenden Regeln eingehalten
werden:
• Es gibt eine Reihenfolge, in der Anschaffungen getätigt
werden müssen. So haben eine flächendeckende Ausstattung mit Internetanschlüssen und WLAN, die Bereitstellung von Lernsoftware sowie die Bereitstellung von Präsentationsmedien (digitale Tafeln, Fernseher, Beamer) Priorität vor der Anschaffung von individuellen Endgeräten (Tablets/Laptops/PCs für Schülerinnen oder Lehrkräfte). Damit soll verhindert werden, dass trotz vorhandener Geräte die nötige Infrastruktur nicht existiert und diese somit nicht genutzt werden können. • Schulen müssen für sich einen sogenannten “Medienentwicklungsplan” entwickeln. Das heißt, dass sie schauen müssen, wie es gerade technisch bei ihnen aussieht und wie es in Zukunft aussehen sollt. Schließlich halten sie in einem Antrag ans Land fest, wie ihr Digitalkonzept für die Zukunft und der Weg dahin aussehen sollen. Dazu gehören auch ein Fortbildungsplan für alle Lehrkräfte und ein Wartungsplan für die angeschafften Geräte. Auch hier soll verhindert werden, dass Geräte angeschafft werden, obwohl kein Wissen darüber, wie man diese pädagogisch sinnvoll einsetzt, besteht. Wenn das Land den Antrag bewilligt, kann das Geld fließen. Die Gelder sollen bis 2024 vollkommen ausgegeben sein. Wenn man jetzt über die Situation nachdenkt, dann würde man ja davon ausgehen, dass die Schulen und die Länder mit Hochdruck daran arbeiten, möglichst schnell die Mittel zu nutzen, oder? Tja, die Wahrheit sieht aber etwas anders aus. . . Tatsächlich wurden bisher ca. 20% der Bundesmittel bewilligt. Bei den verschiedenen Ländern gibt es hier und da mal Ausreißer nach oben und unten, so sind Sachsen mit 99% und Hamburg mit vollen 100% vorne dabei, während das Saarland nur 3,4% und Schleswig-Holstein als Schlusslicht nur 2,9% (!) der ihm zustehenden 170 Millionen € bewilligt hat. Dass es dort hakt, kann unterschieliche Gründe haben. Das Bewilligungsverfahren ist in der Tat (zeit)aufwändig, erfordert es doch die Ausarbeitung eines individuellen Konzeptes an allen Schulen und eine wirklich langfristige, nachhaltige Planung. Vor der Corona-Krise mag das ja noch irgendwie in Ordnung gewesen sein, schließlich war dort der (öffentliche) Druck noch nicht so hoch und in der Bildungspolitik gab es möglicherweise dringendere Probleme zu lösen. Schließlich war der Digitalpakt auch nicht so angelegt, dass möglichst vielen Schülerinnen eigene Endgeräte gegeben werden, sondern, dass die Schulen ihre Infrastruktur auf die Reihe kriegen. Jetzt aber wird klar, dass in der Krise Bildung nicht für alle funktioniert, wenn nicht alle Zugang zu den
Plattformen haben, auf denen Bildung stattfindet. Dass das ausgerechnet häufig die finanziell benachteiligten Familien trifft, die in
Deutschland schon immer strukturell im Bildungssystem schlechter aufgestellt waren, macht die Lage nicht besser; und dass mancherorts selbst von den Schulen und Lehrkräften mangels Geräte
und Software nichts kommt, auch nicht. Fakt ist: Die Pandemie ist
ein erheblicher Einschnitt in die ohnehin angeschlagene Bildungsgerechtigkeit und ein, wenn nicht der Schlüssel zu einer Verbesserung der Lage ist durch eine Verbesserung der Digitalisierung zu
erreichen.
Was hat die Regierung nun als Reaktion darauf unternommen?
Im Laufe des Jahres 2020 wurden drei Zusatzvereinbarungen
zum Digitalpakt unterzeichnet, die jeweils 500 Millionen € vom
Bund und 50 Millionen € von den Ländern beinhalten. Mit ihnen
soll die akute Not durch Sofortmaßnahmen gelindert werden, und
zwar aufgetrennt in drei Bereichen:

  1. Endgeräte für Schüler*innen

2. Endgeräte für Lehrkräfte

3. It-Administration

Die Mittel des ersten Sofortausstattungsprogrammes, welches vor allem Schülerinnen aus finanziell benachteiligten Familien mit Geräten ausstatten soll, wurde zu großen Teilen (insg. fast 90%) bereits bewilligt (auch in S-H zu ca. 99%); es hakt aber trotzdem von Land zu Land. Denn durch den deutschen Bildungsföderalismus entscheidet jedes Land, wie genau die Geräte angeschafft werden sollen: Die Stadtstaaten Bremen und Hamburg bestellen einfach zentral, in NRW müssen Schulen Anträge schreiben. Insgesamt handelt es sich trotz der Not um einen monatelangen, für bisherige Verhältnisse aber sehr schnellen Prozess. Zum jetzigen Zeitpunkt treten erste Geräte in den schulischen Gebrauch, viele warten aber noch auf eine Einrichtung. Manche Bundesländer fallen in diesem Kontext durch besondere Maßnahmen auf. Bremen, laut diversen Studien im Bildungsbereich bundesweit gesehen bisher unerfolgreich, schafft gerade durch eigene Landesmittel für alle Schülerinnen ein eigenes Gerät an – bundesweit einmalig. Weil der verpflichtende Prozess, einen Medienentwicklungsplan zu entwickeln, ein so langwieriger ist und sich ohne bisherige Erfahrung und mit fehlenden Kompetenzen an einer Schule sehr träge werden kann, bietet das Land Sachsen Unterstützung bei der Erstellung dieser an und legte klare Förderrichtlinien fest. Noch fehlt es auf Bundesebene an einer Institution, die Schulen eine solche Unterstützung geben kann. Die (berechtigte) Hoffnung ist nun, dass der Druck durch die Corona-Krise und die knapp zwei Jahre Anlaufzeit, die seit dem Beschluss des Digitalpaktes vergangen sind, zu einer schnelleren Verbesserung der digitalen Situation in den deutschen Schulen führen wird. Die aktuelle Corona-Lage lässt nicht auf baldigen Präsenzunterricht hoffen, vor allem die Schülerinnen der Mittelstufe werden sich wohl noch monatelang mit Fernunterricht begnügen müssen – und zwar vielerorts mit einem Fernunterricht, der ihnen Bildung auf dem üblichen Niveau versagt. Kritik wird von vielen Seiten an vielen Punkten laut, und sie ist zweifelsohne berechtigt. Ich möchte an dieser Stelle keine Debatte um den Föderalismus an sich lostreten, aber trotzdem sind die gravierenden Unterschiede zwischen den Ländern größtenteils mit ihm zu erklären. Inwiefern Einschränkungen der Entscheidungshoheit der einzelnen Länder notwendig sind, um die Gesamtsituation zu verbessern, sei einmal dahingestellt, die entstehende Ungleichheit trifft aber vor allem die, die sich in ihrem späteren Leben mit ihr abfinden müssen: Die jetzigen Schülerinnen. Den Schulen muss dementsprechend auf einheitlicher Basis geholfen werden, nachhaltige und differenzierte Konzepte für eine Entwicklung hin zum Digitalen aufzustellen, damit solche vollkommen lösbaren Ungleicheiten ausgeschaltet werden. Wir werden uns wahrscheinlich in einigen Jahren, wenn das Virus besiegt oder wenigstens kontrollierbar ist, an eine deprimierende Zeit zurückerinnern. Wenigstens im Bereich des Digitalen ist sie aber schon jetzt teilweise zu einer Zeit des Aufbruchs geworden. Es wäre unglaublich schade, wenn unser Bildungssystem und die Schüler*innen dieses Landes nur teilweise von dieser Chance profitieren und viele zurückgelassen werden. Denn sie ist einmalig, das allgemein im negativen, hier aber im möglicherweise positiven, gibt es doch so viele Anreize wie nie zuvor, Sinne. Vielleicht gelingt es aber doch noch, die jetzige Zeit als die, in der das deutsche Bildungssystem endlich die Kurve gekriegt hat und digital aufgeholt hat, zu profilieren. Ich würde es mir zumindest wünschen.

Hangzhi Yu