Politische Bildung ist das Fundament der Demokratie

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Corona in Indien – wie konnte es zur Katastrophe kommen?

Die Bilder, die uns momentan aus Indien erreichen, zeigen ein Ausmaß der Corona-Pandemie, welches einer humanitären Katastrophe gleicht. Wir haben heute den 6. Mai 2021. In Indien wird täglich ein neuer Höchstwert an Neuinfektionen und Todesfällen gemeldet, zuletzt waren es 400.000 Neuinfektionen binnen 24 Stunden. Walter Lindner, deutscher Botschafter in Indien spricht im Interview mit der Welt von dramatischen Zuständen, zu wenig Ärzten, infizierten Pflegekräften und erstickenden Menschen vor überfüllten Krankenhäusern. Denn das Gesundheitssystem in Indien ist völlig überfordert und selbst denjenigen, die ein Krankenhausbett bekommen haben, kann oftmals nicht geholfen werden, da es an Sauerstoff und Beatmungsgeräten mangelt. Kurz gesagt erreicht die Corona-Pandemie in Indien eine Dimension von erschütterndem Ausmaß.

Dass die Situation so eskalieren konnte, ist jedoch kein Zufall. Indien als Land mit 1,4 Mrd. Einwohnern und Metropolen wie Neu-Delhi oder Mumbai, die zu den am dichtesten bevölkerten Städten der Welt zählen, ist ein Land großer Diversität. Die Spanne zwischen Arm und Reich ist gigantisch, hochentwickelten Technologiekonzernen steht extreme Armut und Wanderarbeit gegenüber. Achtzig Prozent der Menschen in Indien sind gläubige Hindus und das Kastensystem, welches sich auf den hinduistischen Glauben bezieht, ist zwar offiziell abgeschafft, doch die sozial exkludierenden Strukturen bestehen noch immer und erschweren den ehemals unteren Kasten den Zugang zu Bildung und gesundheitlicher Versorgung. Durch das Zusammenspiel der hohen Bevölkerungsdichte, einem schlechten Gesundheitssystem und der vielen Tagelöhner, deren Familien ohne tägliche Arbeit während eines Lockdowns in extremer Armut leben, ist Indien von vornherein als sehr gefährdet einzuschätzen. So trafen auch die Maßnahmen der Regierung Indiens im letzten Jahr, die Ärmsten besonders hart. Tausende von Wander- und Saisonarbeitern blieb nichts anderes übrig, als zurück in ihre Heimatdörfer zu kehren. Die angekündigten Hilfen der Regierung in Form von finanzieller Unterstützung und Lebensmittelversorgung liefen viel zu langsam und in einem solch geringen Maße an, dass viele Familien Hunger leiden mussten. Vergleichsweise verlief diese erste Welle jedoch noch glimpflich und als sich Mitte September des letzten Jahres die Zahlen wieder senkten, atmete man zunächst auf. Doch die Regierung Indiens verpasste es, das Infektionsgeschehen weiterhin ernst zu nehmen und unter Premierminister Narendra Modi feierte die BJP, die national-hinduistische Volkspartei, das Virus als besiegt, Narendra Modi als „Visionär im Kampf gegen Corona“ und eröffnete im Januar 2021 das mehrere Monate dauernde Fest Kumbh Mela, zu dem jährlich Millionen von Pilgern zusammenkommen, um im Fluss Ganges zu baden.

Ein fataler Fehler, zumal Indiens Regierung zeitgleich begann die Exporte des Impfstoffs zu stoppen, sich also über das Infektionsgeschehen bewusst war. Zuvor hatte Indien als „Apotheke der Welt“ den Impfstoff Astra-Zeneca in großer Anzahl hergestellt und im Rahmen des Covax-Programms (Covid-19 Vaccines Global Access) in andere Länder an hoher Zahl exportiert, teilweise auch gespendet. Diese Lieferungen wurden im März vor allem in Westafrika erwartet, wo nicht nur Covid-19 sondern auch politische Konflikte und Vertreibung für eine Notsituation und drohende Hungerkrise sorgen. Ende März gab Indien dann bekannt, dass Exporte des Impfstoffes bis Juni gestoppt werden, um das eigene Impfprogramm umzusetzen.

Doch dessen Fortschritt lässt auf sich warten und Mitte April erreicht die zweite Welle in Indien nach weiteren Massenwahlkampfveranstaltungen eine schwer aufhaltbare Wucht. Denn unter dem beginnenden Wahlkampf Narendra Modis vermittelte Indiens Regierung ein falsches Gefühl der Sicherheit. Auf einer Wahlkampfveranstaltung mit Tausenden Teilnehmern, trägt er selbst keine Maske und äußert sich erfreut über die große Menschenmasse, während sich bereits die Intensivbetten in der Hauptstadt verknappen. Nun mangelt es Indien selbst an Impfstoff, und nicht nur daran, auch Sauerstoff wird verzweifelt benötigt. Indien ist auf internationale Hilfslieferungen angewiesen, bisher jedoch gestalten sich diese Bemühungen als Tropfen auf dem heißen Stein.

Von Louisa van Wees